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„Schulen entlang ihrer Stärken vorwärts ins Neue und Positive bringen“ – Im Interview mit Ulrike Lichtinger

Im Interview mit Ulrike Lichtinger, Vizerektorin für Bildungsforschung und Entwicklung an der PH Vorarlberg und Initiatorin von „FLOURISHING SE“ (TOP3 Projekt im Rahmen der MEGA Bildungsmillion für Chancenfairness).

Was hat Dich dazu bewogen, das Schulentwicklungskonzept Flourishing SE initiieren?

Schulentwicklung ist schon lange mein Herzensthema, dem ich mich seit 2014 auch als Professorin an der Pädagogischen Hochschule in Vorarlberg widme. Schulen entlang ihrer Stärken vorwärts ins Neue, ins Positive zu bringen, das gehört einfach zu mir! Ich bin stark wissenschaftlich orientiert und hatte zwei Jahre vor der Konzeption von Flourishing SE die Positive Psychologie als empirischen Ansatz für mich entdeckt. Flourishing SE gründet als Schulentwicklungsansatz auf diesen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Warum müssen sich Schulen überhaupt entwickeln?

Müssen wir uns nicht alle entwickeln? Ist es nicht Teil unseres Lebens uns zu entwickeln, zu wachsen und aufzublühen? Das ist der zentrale Punkt. Wir sehen, dass wir beim Thema Chancen-Fairness an den Schulen in Österreich noch nicht da sind, wo wir vielleicht gerne wären. Wir brauchen dafür die Weisheit der Vielen. Den Blick und die Motivation von innen, aber auch die Perspektive und Unterstützung von außen. Das sagt uns nicht nur der gesunde Menschenverstand, sondern auch die Forschung. 

Inwiefern wirkt sich Flourishing SE konkret auf Chancen-Fairness in der Schule aus?

Wir wollen, dass Schulentwicklung das Lernen – und zwar im Kontext des Wohlbefindens von Kindern und Jugendlichen – verändert und verbessert. Mit MEGA starten wir die Entwicklung eines sprachsensiblen Lernsystems für Mathematik in der Primarstufe. In diesem Lernsystem geht es darum, dass die Kinder erkennen und spüren, dass sie der Chef des Lernens sind. Die Idee dazu stammt im Übrigen nicht von mir. Wir haben uns hierzu Entwicklungshilfe aus Indien geholt und Lehrpläne zu Lernplänen umgeschrieben. So geben wir Kindern die Möglichkeit, immer wieder zu spüren, dass sie vorankommen. Dieses Vorankommen ist entscheidend für wichtige Selbstwirksamkeits-Erfahrungen. Wir haben in diesem System so viele Möglichkeiten zu differenzieren, damit Kinder in ihrer Geschwindigkeit und auf ihrem Lernniveau arbeiten können. Wir möchten den Lehrer_innen ein Angebot in die Hand geben, Kinder optimaler ins Lernen zu bringen. Dafür gibt es die schöne Visualisierung von Lernwegen und Lernspuren. Kinder können daran einfach sehen, dass sie vielleicht einen langen Weg in einem Schuljahr vor sich haben, aber auch wo und wie sie vorankommen. Dieses Vorankommen ist entscheidend für das Gefühl, selbstwirksam zu sein.

Wie trägt FLOURISHING SE zur Chancen-Fairness im Bildungssystem bei? 

Wir haben in diesem System so viele Möglichkeiten zu differenzieren, damit Kinder in ihrer Geschwindigkeit und auf ihrem Lernniveau arbeiten können. Auf der visuellen Ebene des Lernweges sieht das für alle Kinder gleich aus, im Detail arbeitet jedes Kind individuell. Die Aufgaben sind sehr breit gefächert und setzen an den unterschiedlichen Lernniveaus an. Dadurch machen die Kinder wieder wichtige Selbstwirksamkeits-Erfahrungen. Außerdem setzen wir unser Lernsystem sprachsensibel an. Wir möchten den Lehrer_innen ein Angebot in die Hand geben, Kinder optimaler ins Lernen zu bringen.

Warum hat sich mit der PH Vorarlberg eine Initiative aus dem System im Zuge der ersten Ausschreibung beworben? 

Die PH ist eine nachgeordnete Dienststelle des Bildungsministeriums und hat viele Agenden Top-Down auszuführen. Das lässt uns finanziell wenig Spielraum, um neue Dinge groß und kraftvoll ins System zu bringen. Die Nachfrage von Schulen nach unserem Flourishing SE-Angebot ist groß. Das hat bei uns zu einem Engpass geführt, weil wir für diese Nachfrage weder die Kraft und das Zeitbudget noch die finanziellen Ressourcen dafür zur Verfügung hatten. Das war unser Ausgangsdilemma. Mit der Ausschreibung der MEGA Bildungsstiftung, die uns inhaltlich aus der Seele gesprochen hat, haben wir eine große Chance genutzt. Auch weil wir Flourishing SE mit hoher Geschwindigkeit ins System bringen wollen. Für uns ist das eine sehr passende Symbiose. Wir mussten uns einfach bewerben!

Wirkt sich FLOURISHING SE auch auf die Lehrer_innenausbildung an der PH aus? 

Ja! Wir machen Seminare, wo unsere Studierenden lernen, wie man diese Lernsysteme in einem kleinen Segment entwickeln und einsetzen kann. Sowohl in der Ausbildung als auch in der Fort- und Weiterbildung sind wir unglaublich nachgefragt. 

Eure Initiative ist in Vorarlberg angesiedelt. Gibt es Perspektiven, das Projekt übers Ländle hinaus zu erweitern? 

Wir möchten über die Bundesländergrenzen hinweg interessierte Menschen zu Multiplikatoren ausbilden – gerade auch an Pädagogischen Hochschulen in der Lehrer_innenausbildung sowie in der Fort- und Weiterbildung, um unser Lernsystem so noch stärker ins Bildungssystem zu bringen. Wir erreichen mit unseren Angeboten außerdem nicht nur Lehrer_innen und Direktor_innen, sondern auch Personen aus der Schulaufsicht, aus der Schulpsychologie sowie Menschen im Umfeld von Schulen. Wir sind offen für alle. Je besser wir Dinge ins System bringen können, desto besser für die Kinder.

*Das Interview ist im Rahmen des MEGA Meilensteins mit Ulrike Lichtinger entstanden.

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