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Mentale Gesundheit und Schulerfolg? Wie hängt das zusammen, Haliemah Mocevic?

Haliemah Mocevic Unipark Nonntal Salzburg, 20221107 Foto: wildbild, Herbert Rohrer

Was machst du eigentlich und was ist dein Forschungsschwerpunkt?

Ich arbeite zurzeit hauptberuflich als wissenschaftliche Mitarbeiterin (Senior Scientist) am Fachbereich Erziehungswissenschaft der Paris Lodron Universität Salzburg in der Arbeitsgruppe „Quantitative Methoden“ bei Prof. Dr. Gniewosz mit: Mit statistischen Verfahren beforschen wir Bildungs- und Sozialisationsprozesse, um belastbare Antworten auf zentrale sozialwissenschaftliche Fragen zu finden. Mein Forschungsschwerpunkt liegt bei Fragen der Bildungsgerechtigkeit im Kontext gesellschaftlicher Diversität. Daneben bin ich noch als Klinische- und Gesundheitspsychologin in freier Praxis tätig.

Erzähl uns etwas über deine PhD Arbeit! Wie bist du auf das Fokusthema deiner Arbeit gekommen und warum?

„Was können Lehrpersonen konkret in der Interaktion mit Schüler*innen tun, um mehr Bildungsgerechtigkeit in vielfältigen Klassen zu erreichen“ diese Frage bildete den Ausgangspunkt meiner Dissertation. Forschungsergebnisse zeigen seit Jahrzehnten, dass Schüler*innen mit sog. „Migrationshintergrund“ tendenziell zu den Bildungsverlierer*innen gehören- insbesondere, wenn noch weitere Risikofaktoren (v.a. sozioökonomischer Art) vorliegen. Das ist unfair und auch für die Zukunft problematisch- daher müssen Lösungen gefunden werden. Die bisherige Forschung hat sich schwerpunktmäßig auf die Rolle des sozialen Hintergrundes, der Sprache und strukturelle Aspekte des Bildungssystems fokussiert. Ergänzend dazu, nehme ich in meiner Arbeit psychologische Faktoren in Betracht. Dieser Zugang bietet die Chance, mehr Fairness durch gezielte Förderung benachteiligter Gruppen zu erreichen und darüber hinaus Betroffene zu empowern, Veränderungen auf der Mikroebene bottom-up anzustoßen. Der Fokus meiner Doktorarbeit lag bei subtilen, psychologischen Mechanismen, die Schüler*innen mit Migrationshintergrund am Anfang der Sekundarstufe II in ihren schulischen Leistungen hemmen. Im Rahmen einer Feldstudie untersuchte ich des Weiteren eine spezifische Interventionsstrategie (Weise Intervention) mit dem Ziel, benachteiligte Schüler*innen zu stärken.

Erfreulicherweise wurde meine Arbeit mit dem Dissertationspreis für Migrationsforschung 2021 der Österreichischen Akademie der Wissenschaften ausgezeichnet und gewann im selben Jahr auch den 1. Platz des Young Investigators Award der Universität Salzburg.

Was sind die wichtigsten Forschungsergebnisse aus deiner Arbeit?

Die empirische Erhebung hat deutlich gezeigt, dass Bildungsungleichheiten immer noch ein ernstzunehmendes Problem darstellen, das sich auch auf Leistungsebene messen lässt. Das deutet auf einen dringenden Handlungsbedarf hin. Gebraucht werden fächerübergreifende Lösungsansätze, um Herkunft und Leistung von Lernenden zu entkoppeln. Eine diversitätssensible, psychologische Herangehensweise kann einen aufschlussreichen Beitrag dazu leisten.

Wie haben dich deine Erfahrungen aus deiner Zeit als Schulpsychologin geprägt?

Als Schulpsychologin war ich vier Jahre lang Teil eines mobilen, multiprofessionellen Teams, das hauptsächlich für Beratung, Diagnostik und Psychoedukation zur Eingliederung geflüchteter Kindern und Jugendlichen in österreichische Schulen eingesetzt wurde. In dieser Rolle bin ich quer durchs Bundesland in verschiedene Städte aber auch kleinere Orte gefahren und habe mit sehr vielen Schüler*innen, Eltern, Lehrpersonen und Schulleitungen über deren Erleben und Verhalten im Schulkontext gesprochen. Diese Einblicke in die Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse speziell von Schüler*innen mit sog. Migrationshintergrund haben sicherlich meine weitere Arbeit, aber auch mein Forschungsinteresse hinsichtlich dieser Gruppe mitgeprägt. Beobachtet habe ich beispielsweise immer wieder, wie negative Stereotype über bestimmte soziale Gruppen eine bedeutsame Rolle in deren (Selbst- und Fremd-) Wahrnehmung zu spielen schienen.  Auch die (mangelnde) Repräsentation von Personen „mit Migrationshintergrund“ beim Schulpersonal kam zum Ausdruck: „Sie sind die erste hier, die so aussieht wie wir! war eine häufige Reaktion mancher auf die Begegnung mit mir oder „ich wusste gar nicht, dass so jemand Psychologin werden kann.“

Der „Realitätscheck“ vor Ort an den Schulen machte mir darüber hinaus bewusst, dass viele Ideen, die in der Theorie interessant klingen mögen, in der Praxis, unter den gegebenen Bedingungen, von Lehrpersonen nicht umsetzbar sind.

Wie kann Schule Kinder und Jugendliche in ihrer mentalen Entwicklung unterstützen?

Nachdem Kinder und Jugendliche immer mehr Zeit in Bildungseinrichtungen verbringen, halte ich das für eine zukunftsweisende Frage, auf deren Bedeutsamkeit auch die alarmierenden Zahlen aus Studien zum Wohlbefinden und der psych. Gesundheit in Kontext der Covid-Pandemie hindeuten. Ich bin der Überzeugung, dass Lehrpersonen damit nicht alleine gelassen werden sollten. Es braucht (mehr) psychologisches Wissen und Unterstützung von Psycholog*innen  in der Schule.

Welche Rolle hat die Institution Schule hier bzw. ihre Akteur:innen?

Um den Bildungsauftrag zu erfüllen, müssen in der Schule psychologische, z.B. motivationale Grundlagen verstanden und berücksichtigt werden.

Durch die Unterrichtspflicht ist die Schule auch die gesellschaftliche Institution, die (fast) alle Kinder und Jugendliche erreichen kann. Daher halte ich sie- auch aus einer Fairness-Perspektive- für einen geeigneten Ort für präventive Maßnahmen.

In ihrer Sozialisierungsfunktion haben Bildungsinstitutionen des Weiteren die Aufgabe, junge Menschen auf ihre Verantwortungen im Leben vorzubereiten – dazu sollte meines Erachtens auch gehören, Verantwortung für das eigene Erleben und Verhalten zu übernehmen sowie ausreichend Information dazu.

Wo können außerschulische Initiativen hier einhaken und leisten, was Schule nicht leisten kann/soll?

Außerschulische Initiativen sind viel eher in der Lage flexibel und autonom auf konkrete zielgruppenspezifische Bedarfe einzugehen. Auch können sie einen besseren Betreuungsschlüssel (bis hin zu 1:1) anbieten. Während in Schulen oft ein Defizitfokus vorherrscht, gelingt es außerschulischen Akteur*innen meiner Beobachtung nach, meist eher, persönliche Ressourcen und Stärken von Kindern und Jugendlichen zu aktivieren und sichtbar zu machen.

Du warst in der diesjährigen MEGA Fachjury, wo wir Projekte in dem Feld kennenlernen durften: Worauf hast du hier besonders geachtet?

Die Tätigkeit in der Fachjury für Chancen-Fairness war eine inspirierende Erfahrung. Es war aber auch herausfordernd, bei so vielen interessanten Projekten zu bewerten, inwieweit sie einen nachhaltigen Beitrag zur Steigerung von Bildungschancen Benachteiligter leisten. Ein Aspekt, auf den ich besonders geachtet habe, war auch inwieweit ein sensibler und konstruktiver Umgang mit Unterschiedlichkeit zum Ausdruck kam.

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