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„Journalismus ist Bildung“ – Im Interview mit Melisa Erkurt

Im Interview mit Melisa Erkurt, Journlistin und Projektleiterin bei „biber newcomer“ (TOP3 Projekt im Rahmen der MEGA Bildungsmillion für Chancenfairness).

Du bist Journalistin, ehemalige Lehrerin, Buchautorin und jetzt wieder beim biber newcomer tätig. Wo liegt Deine Leidenschaft?

Definitiv in der Arbeit mit Jugendlichen! Mit dem biber newcomer kann ich Journalismus und Schule verbinden und jungen Menschen zeigen, was in ihnen steckt. Ich möchte ihnen ihre eigene Perspektive zeigen und ihnen ermöglichen, ihre Stimme zu nutzen. Ich wüsste nichts Schöneres und auch keinen besseren Job als diesen.

Beim biber newcomer erhalten Schüler_innen aus bildungsfernen Elternhäusern einen Einblick in die österreichische Medienlandschaft. Was hat Dich dazu inspiriert, dieses Projekt zu initiieren? 

Der biber ist nicht nur meine journalistische Heimat. Beim biber habe ich mich zum ersten Mal in Österreich wirklich zu Hause gefühlt. Ich habe damals schon gerne geschrieben und wollte jungen Menschen, die ihr Schreibtalent vielleicht noch nicht erkannt haben, eine Chance geben. Ich bin zu dieser Chance mit 19 Jahren über den biber gekommen, aber hätte es mir schon mit 14 Jahren so sehr gewünscht. Als Lehramts-Studentin im Journalismus habe ich mir damals gedacht: Warum schaffe ich mir nicht einfach meinen Traumjob und verbinde beides? 

Die Intention hinter der Gründung des biber newcomer war also, etwas zu schaffen, das Du selbst in Ihrer Schulzeit vermisst haben? 

Genau das hätte ich damals gebraucht! Schon als Studentin habe ich erkannt, was es in der Schule aus Lehrer_innen-Sicht bräuchte. Was geht unter, ist aber extrem wichtig? Ursprünglich war der biber newcomer als reines Journalismus-Projekt angedacht. Wir haben dann schnell gemerkt, dass es Platz und Raum für Diskussion braucht. Beim biber sind wir alle Migrantinnen und Migranten. Deswegen sind wir – auch wenn wir das nicht gezielt wollen – Vorbilder für die Schüler_innen.

Was braucht das österreichische Bildungssystem aus Deiner Perspektive?

Es gibt nicht die eine Lösung, aber es gibt einige Schrauben, an denen wir drehen müssen. Wie beispielsweise im vorschulischen Bereich, in dem wir die Deutschkenntnisse fördern und in dem mehr Pädagoginnen und Pädagogen weniger Kinder betreuen sollten. Wir brauchen auch dringend eine Ganztagsschule. Denn der Normalzustand ist eben nicht, dass Kinder zu Hause ihren eigenen Schreibtisch mit Laptop und Betreuung erhalten. Außerdem fehlt es auch an Vorbildern für Kinder. Wir wissen aus Studien, dass die Mittelschicht im Lehrkörper sehr stark vertreten ist. Das ist insofern ein Problem, weil viele Schüler_innen sehr weit weg von dieser Lebensrealität sind. Hier prallen Lebenswelten aufeinander und dabei können Missverständnisse entstehen. Es gibt jeweils Codes, die die andere Gruppe nicht versteht. Menschen mit Migrationshintergrund aus unteren Schichten können als Bindeglied fungieren – und genau da sehen wir unser Projekt.

Was muss sich in der Bildung ändern, um Chancen-Fairness zu ermöglichen?

Wir brauchen eine Reform der Lehrer_innen-Ausbildung, die an Kinder wie Alis und Hülyas angepasst ist. Wir gleichen dies beim biber newcomer aus, weil wir in dieser Woche als Autoritätspersonen Vorbilder sind. Die meisten dieser Kinder sehen sich erstens nirgends vertreten – außer an der Supermarktkassa oder in anderen schlecht bezahlten, körperlich anstrengenden Jobs. Ich werte diese Jobs nicht ab, aber es geht darum eine Wahl zu haben, welchen Beruf man ergreifen möchte. In Österreich wird die Bildung nach wie vor vererbt. Kein Projekt allein kann für Chancen-Fairness sorgen, aber wir gleichen das aus, was die Bildungspolitik nicht liefert. Wir kennen die Lebensrealitäten von Kindern mit Migrationshintergrund aus eigener Erfahrung.

Inwiefern nimmst Du persönliche Erfahrungen, die Du als Kind migrantischer Eltern gemacht hast bzw. machen musstest, mit in die Arbeit beim biber newcomer?

Unsere Biographie spielt eine riesige Rolle. Am Beginn der newcomer-Woche erkläre ich den Schüler_innen, was sie erwarten wird. Viele sagen, dass sie das nie schaffen werden und ich habe ja leicht reden, weil ich so gut Deutsch spreche und studiert habe. Ich erkläre ihnen dann, dass ich selbst ein geflüchtetes Kind bin und weiß was es heißt, wenn Mama und Papa nicht helfen können. Dann bekommen die Schüler_innen große Augen und sehen dich auf einmal anders. Wenn wir am Schluss der Woche Feedback einholen, lesen wir oft: Ihr seid so wie wir. Das ist das schönste Kompliment für mich, weil ich weiß, wie selten das im Schulalltag vorkommt. 

Welche langfristigen Intentionen hast Du für und mit dem biber newcomer?

Die Warteliste für Projektwochen ist sehr lang und wir mussten leider schon Schulen absagen, weil wir einfach nicht die Kapazitäten dazu hatten. Dank der MEGA Finanzierung können wir nun mehr Klassen erreichen, weil wir Geld für Personal haben. Ohne die MEGA wäre ich außerdem vom ORF nicht wieder zurück zum biber newcomer gekommen. Einer unserer Milestones mit MEGA ist es, auf Instagram ein Content-Netzwerk zu errichten, das die Jugendlichen mit aufbauen. Ich weiß, dass das ein großes Ziel ist. Als biber newcomer sehe ich uns zwischen Journalismus und Bildungsprojekt. Und Journalismus ist Bildung!

Was war die bislang schönste oder berührendste Erfahrung mit dem biber newcomer?

Einmal haben Jugendliche nach der newcomer-Woche wirklich geweint, weil das Projekt aus war. Damals musste ich mitweinen und gleichzeitig wurde die Idee geboren, etwas Nachhaltigeres zu machen. Über das Mentoringprogramm – ein weiterer Meilenstein – können die Schüler_innen mit uns in Kontakt bleiben. Es gab so viele tolle Momente!

*Das Interview ist im Rahmen des MEGA Meilensteins mit Melisa Erkurt entstanden.

Fotocredit: (c) Vedran Pilipović

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